Der Reiche und der Bettler

Einst ging ein reicher Mann
Weil er dacht‘, daß er das kann
Allein die Straße lang

Den Butler neben ihm im Auto
Der wundert sich und schaute nur
Das er langsam nebenher fuhr

Da saß ein Bettler am Strassenrand
Müde, leer und abgebrannt
Und doch bei klarem Verstand

Der Reiche blickt ihn an und fragt
„Warum sitzt er hier? Kommt, sagt.“
„Ich sitz‘ hier nicht, weil ich das mag.“

Der Butler ward herbei gewunken
Dem Bettler wars wie trunken
Der Reiche sprühte schon Funken

Er wollt wissen, wie es dazu kam
Das der Bettler so versank im Gram
So fuhr der Wagen mit allen gemeinsam an

Beim Reichen zuhause angekommen
Ward dem Armen der Mantel sorgsam abgenommen
Sogar einen Tee hat er bekommen

Dann sagte der Reiche: „Er möge beginnen.
Und er solle nicht allzuviel spinnen.“
Er wollte die Wahrheit – von ganz tief drinnen

Der Bettler sah ihn ernsthaft an
Und fing am Anfang an
Zu erzählen wie alles begann:

Damals, als er jung an Jahren
Hat auch er ein großes Auto gefahren
Nein – er mußte niemals sparen

Doch dann schlug das Schicksal zu
Aus wars mit Erfolg, Sicherheit und Ruh
All die Freunde waren fort im nu

Er strampelte so gut er konnte
Arbeitete auch nachts mit Lampe
Es nütze nichts mehr – zu steil die Rampe

Alles ging nach und nach verloren
Familie, Freunde, Konten eingefroren
Am Ende wars, als wär’ er nie geboren

Man kannte ihn nicht mehr
Dabei war es gar nicht lange her
Dann war der Abstieg nicht mehr schwer

So verlor er Auto, Haus und Weib
Sie ging – ganz ohne viel Streit
Meinte nur: „Bleiben? Das wär‘ nicht gescheit.“

Kein Job, kein Geld, keine Bleibe
Von der großen Wurst nicht eine Scheibe
Zu guter letzt nicht mal mehr Seife

Der Reiche horchte gespannt noch zu
Als der Bettler schließt in aller Ruh:
„Heute ist es gleich, was ich auch tu.“

Der Reiche: „Die Geschichte ist wohl aus.“
Und zum Butler: „Werfe er ihn raus.
Der Schmerz ist wirklich ein Graus.“


Eine alte Geschichte, dessen Autor ich leider nicht kenne, in einem neuen Gewand.

^Gedichte / PDF-Datei

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