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Ich liebe meine Giraffen

Ich liebe meine Giraffen. Die „Giraffen“ sind hier ein Sinnbild für meine Denkfehler. Die Geschichte dazu habe ich zum ersten mal bei Dobelli in „Die Kunst des klaren Denkens“ (dtv, 2014) gelesen. Wenn ich mich recht erinnere, ist Dobelli nicht der Erfinder dieser Geschichte, aber er hat sie in seinem kleinen Büchlein wunderbar eindrücklich wiedergegeben. Und so will ich mich jetzt auch einmal darin versuchen, die Geschichte kurz zu erzählen:

Ein Mann steht auf einem großen freien Platz einer nordeuropäischen Großstadt und springt und tanzt umher, während er laut ruft und singt. Er ist keine Gefährdung für andere oder sich selbst, weshalb er in Ruhe gelassen wird. Bei Passanten, die sich durch ihn gestört fühlen, entschuldigt er sich höflich und versucht entsprechenden Abstand zu halten.

Neugierig, wie ich bin, gehe ich zu ihm hin und frage, warum er hier singt und tanzt, wenn er es doch offensichtlich nicht macht, um gesehen und beachtet zu werden. Seine Antwort irritiert und fasziniert mich zugleich.
„Ich verscheuche die Giraffen“ antwortet er mir.
„Hier sind aber doch gar keine Giraffen?“
„Sehen sie? Es funktioniert!“

Im ersten Moment könnte man jetzt meinen, das dieser Mann einem ziemlich dummen Denkfehler aufsitzt – so wie Dobelli diese Geschichte als Beispiel verwendet: In nordeuropäischen Großstädten gibt es keine Giraffen, die frei auf großen Plätzen herumlaufen könnten. (Bestenfalls kann man sie in Zoologischen Gärten besichtigen, wo sie in entsprechenden Gehegen gehalten und versorgt werden.) Das singen und tanzen ist also völlig sinnlos, weil auch ohne diese Aktionen keine Giraffen kommen würden. Der Mann könnte sich also die Zeit und die Kraft sparen und seine Möglichkeiten anderweitig sinnvoller einsetzen. Aber ist das so?

In unserer Zeit der postmodernen Aufgeklärtheit verlieren wir uns immer mehr in einer schier unendlichen Auswahl absoluter Sinnlosigkeiten. Alles, was uns früher Sinn und Sicherheit gegeben hat wie Traditionen und Religion gehen mehr und mehr verloren. Tradition als ein meist ungeschriebenes Sammelsurium an Regeln, was schon immer so gemacht wurde, noch nie so gemacht wurde und was nicht hinterfragt werden durfte. Und Religion als ein starres, geschriebenes Glaubenssystem mit Ge- und Verboten, die nicht angezweifelt werden dürfen.

Mit dem heutigen Skalpell der wissenschaftlichen Betrachtung und der Frage nach seiner absoluten Berechtigung seziert entpuppen sich Tradition wie Religion als mehr oder weniger dünne Hüllen um ein scheinbar leeres „Nichts“. Denn die gängigen Antworten lauten: „Gott gibt es nicht (er lässt sich nicht messen und damit auch nicht beweisen)“ und „Wer sich auf Traditionen beruft ist rückständig (denn heute wissen wir es besser)“.

Angesichts der neuen Freiheit irren immer mehr Menschen wie in Trance durch ihr Leben und versuchen einen neuen Sinn und neue Werte zu finden, an denen sie sich orientieren können. Ich bin einer von ihnen. Auch ich bin auf der Suche.

Aber die Aufklärung durch die moderne Physik, in diesem Falle Quantenphysik, bietet auch Möglichkeiten. Man muß sie nur aufgreifen. Zum Beispiel der „Beobachter-Effekt“. Kurz zusammengefasst besagt der Beobachter-Effekt, daß erst durch die „Beobachtung“ (durch eine Messung oder einfacher: durch eine Wahrnehmung) die Realität in ihre From gegossen wird. Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber ich will es mit einem (stark vereinfachten) Beispiel versuchen: Ich stehe vor der Tür zu einem Raum, den ich noch nie betreten habe. Idealerweise auch noch niemand anderer, sonst wäre jener bereits ein „Beobachter“ und alles wäre bereits beobachtet und damit als Wirklichkeit festgeschrieben. (Dann wüsste ja jemand, was tatsächlich in dem Raum ist.) Aber diesen Fall möchte ich jetzt für unser fiktives Beispiel einmal weg lassen. Solange ich also nur vor der Tür stehe, kann sich in dem Raum potentiell alles befinden, von einem alles verschlingenden schwarzen Loch bis zur schönsten Erfüllung meiner kühnsten Träume. Und ich weiß nicht was es ist. Die moderne Physik sagt: Solange niemand weiß, was sich in dem Raum befindet, kann buchstäblich alles darin existent sein – potentiell. Träume ich von einem roten Sportwagen, kann sich ein roter Sportwagen darin befinden. Niemand weiß es, und deshalb kann niemand dieser möglichen Realität widersprechen. Wenn ich also unumstößlich glaube, das sich ein roter Sportwagen in dem Raum befindet, dann ist da auch einer – zumindest für mich. Andere mögen anderes träumen. Der Raum ist wie eine große Schatzkiste. Ein jeder kann sich die Erfüllung seiner persönlichen Träume hinein „wünschen“. Und die Erfüllung aller – eines jeden einzelnen Wunsches – wäre, potentiell, in dem Raum vorhanden.

Übertragen auf den tanzenden Mann aus der kleinen Geschichte oben bedeutet dies: Weil niemand die Zukunft kennt, ist die Zukunft wie dieser gedachte Raum, den noch niemand betreten hat. Die Zukunft kann uns alles bringen, vom Schlimmsten bis zum Schönsten. Es kann also alles passieren. Es können also auch plötzlich ein paar Giraffen über einen großen Platz einer nordeuropäischen Großstadt laufen. In der Zukunft ist potentiell alles möglich. Das hat die moderne Quantenpysik bewiesen. Und die Zukunft ist jeden Moment wieder neu. Also ist das singen und tanzen des Mannes vielleicht kein reiner Denkfehler. Und das beobachtbare Ausbleiben des Erscheinens von Giraffen bestätigt den gewünschten Effekt seines Strebens. Er ist also sehr erfolgreich in dem, was er erreichen will. So viel Erfolgserlebnis habe ich nicht jeden Tag. Und so manches, was mir in meinem Leben missglückt ist, hat mich zu der Frage gebracht, ob meine jeweiligen Ziele die sinnvollsten gewesen sind. Vielleicht habe ich nicht genug an meine Ziele geglaubt? Aber ich bin ja auch nicht der einzige Beobachter. Dann sollte ich mir vielleicht andere Ziele suchen, vielleicht auch mal „Giraffen“ ausprobieren. Dann werde ich sehr erfolgreich, mit Sicherheit. Dann bekommt mein Leben einen ganz neuen Sinn. Und alles auf modernster quantenphysikalischer Grundlage.

 

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Wissend

Ich weiß es
Ich könnte es Dir sagen
Doch ich weiß es
Wie könnte ich es wagen?

Würde ich darüber sprechen
Du würdest Dich noch wehren
Es ist wie ein Gebrechen
Der lange Weg zum eigenen Gebären

Dir jetzt schon nehmen Deine Freiheit
Dich begrenzen auf das, was wird
Dich zwingen in die Gleichheit
Bis das Individuum im Schmerz erstirbt

Dein Weg wäre nicht mehr Deiner
Deine Gaben wären wie verloren
Dein „Ich“ würd’ immer kleiner
Als wärst Du umsonst geboren

Alles würde ich Dir nehmen
Jedes noch so kleine Glück
Nichts könnte ich Dir dafür geben
Nicht ein noch so kleines Stück

Du mußt es in Dir selber finden
Dich befruchten lassen von der Welt
In Liebe und in Leid Dich winden
Bis die Frucht des Geistes sich zu Dir gesellt

So lebe vorerst besser ohne dieses Wissen
Singe und lache, weine und trauer’
In den Apfel wird ohnehin gebissen
Wo die Schlange liegt auf der lauer

Du glaubst mir nicht
Ich kann‘s Dir nicht verübeln
Schnell einen Stab man bricht
So willst Du mich verprügeln

Doch das ist nur die Angst
Vor der ich Dich zu schützen suche
Wenn Du dieses Wissen auch erlangst
Hast Du endlich losgelassen alle Flüche

Es gibt noch nicht viele
Die diese Geburt hinter sich haben
Für sie ist das Oberste der Friede
Und trotzdem sind sie oft schwer zu ertragen

 

Du

Für mich ist nicht wichtig, woher Du gekommen bist
Oder wohin Du gehen möchtest
Für mich ist wichtig, daß Du gehen kannst
Wohin immer Du willst

Für mich ist nicht wichtig, ob Du krank bist
Oder ob Du eine Beschränkung hast
Für mich ist wichtig, daß Du glücklich sein kannst
Mit dem, was ist

Für mich ist nicht wichtig, ob Du intelligent bist
Oder besonders weise
Für mich ist wichtig, daß Du lachen kannst und auch weinen
Über die kleinen und großen Wendungen des Lebens

Für mich ist nicht wichtig, ob Du Allah sagst
Oder Gott oder irgendeinen anderen Namen
Für mich ist wichtig, daß Du Dich geborgen fühlst
In der Welt, die Du für Dich gefunden hast

Weil ich Dich liebe

 

Kaisers Bart

Ist die Erde rund?
Oder ist sie eine Scheibe?
Sind Blumen bunt
Auch wenn ich sie nicht beschreibe?

Was ist grün?
Was ist gelb?
Was ist schön?
Was ist welk?

Sagen wir Allah oder Gott
Zu jener letzten Instanz
Wenn die letzte Angst uns holt
Und wir hoffen auf einen letzten Glanz?

Für alle geschieht das gleiche
Und jeder sieht was anderes
Ob ich standhalte oder weiche
Entscheidet etwas ganz anderes

Was ich will und was ich glaube
Erschafft meine Welt
Sie ist, was ich d‘raus baue
Gleich, ob es mir gefällt

Was dem einen klein
Ist dem ander’n groß
Was dem einen rein
Ist dem ander’n mäßig bloß

Wir leben alle in der gleichen Welt
Und doch hat jeder sein eigen Bild
Weil das eine sich nicht zum anderen gesellt
Schlagen wir aufeinander ein wie wild

Wir streiten um des Kaisers Bart
Sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht
Ein jeder bleibt in seiner Meinung hart
Und predigt dem ander’n seine Pflicht

Doch was ist Wahr?
Und was ist Lüge?
Des ander’n Wahrheit sehe ich ganz klar
Am besten wenn ich mich selbst betrüge

 

Rechtfertigungen

Wir wollen unsere Sehnsucht befriedigen
Alle unsere Ängste besiegen
Mit unseren Träumen fliegen
Und der schönsten Hoffnung erliegen

Dafür wollen wir alles im Leben nutzen
Aber bloß nicht unsere Flügel stutzen
Noch die letzten Krümel wegputzen
Und damit all die Anderen verdutzen

Glaube – unser aller höchstes Gut
Träger unserer Kraft, Funke jeder Glut
Ursprung von Verzweiflung und Mut
Potential für der Heerscharen Flut

Er schenkt uns jede Möglichkeit
Mahnt uns auch zur Bescheidenheit
Erklärt uns Recht und Gerechtigkeit
Und berechtigt zur Gleichgültigkeit

Tradition – Wert all dessen, was Vergangen
Gibt uns Sicherheit in allen Belangen
Hält uns sicher in Gewohnheit gefangen
Womit auch manche Vorfahren schon rangen

Weitergegeben vom Vater zum Sohn
Das eigene Leben: der gerechte Lohn
Für die Gemeinschaft der Fron
Wer anders, den traf und trifft der Hohn

Individualismus – Hoffnung der Zukunft
Feind jeder eingesessenen Zunft
Bis alles auf den Einzelnen schrumpft
Und jeder allein ist in seiner Unterkunft

Am Ende ein jeder getrennt kommuniziert
Mit Technik und sich selbst – bis die Seele friert
Bis das Ich den Kontakt zum Du verliert
Während es mehr und immer mehr probiert

All dies hat seinen Sinn im großen Geflecht
All dies schafft und gibt sein Recht
Doch es teilt und trennt ein jedes Geschlecht
Wenn wir vergessen: Leben ist nicht in diesem Sinne gerecht

So geben wir unser Herz und unser letztes Hemd
Kämpfen um jeden Fortschritt völlig enthemmt
Fühlen, daß ohne unsere Seele verbrennt
Und sich das Leben gegen alle Widrigkeiten stemmt

Doch der Glaube ist menschengemacht
Die Tradition in Stoffen vernäht und getragen als Tracht
Die große Freiheit hat verloren ihre wertvolle Fracht
Was bleibt wirklich dem Menschen als Pracht?

Denn möchte ich ein Mensch sein
Muss ich als erstes menschlich sein
Dann passen Furcht und Fehler genauso rein
Wie die Hoffnung auf einen Heiligenschein

Niemand ist was Besseres
Ein jeder kennt an sich was Schlechteres
So kann ich versuchen zu sagen etwas netteres
Und Moos pflanzen auf dem Weg der Bitternis

Ich kann versuchen, meinen Fehler zurück zu nehmen
Mit einem netten Wort auf meinen Nachbarn zu zugehen
Im Kampf mit dem Schicksal gemeinsam stehen
Und nicht nur um mein eigenes kleines Glück Gott anflehen

Wenn wir alle Menschen sind
Dürfen alle lachen und weinen wie ein Kind
Versöhnen müssen wir uns nicht blind
Doch am Ende müssen wir gemeinsam finden, wer wir sind

 

Die Liebe in der Welt

Wenn Du kannst,
. . . gib einem Durstigen zu trinken
Wenn Du kannst,
. . . gib einem Hungrigen zu Essen
Wenn Du kannst,
. . . wärme einen,
. . . der friert
Wenn Du kannst,
. . . tröste einen,
. . . der traurig ist 

Wenn Du kannst, bring‘ Liebe in die Welt 

Wenn Du kannst,
. . . bring‘ ein bisschen Nähe zu jenen,
. . . die einsam sind
Wenn Du kannst,
. . . teile ein bisschen Aufmerksamkeit mit jenen,
. . . die nicht gesehen werden
Wenn Du kannst,
. . . spende Beifall jenen,
. . . die sich Mühe geben
Wenn Du kannst,
. . . hilf jenen,
. . . die Deine Hilfe brauchen 

Wenn Du kannst, bring‘ Liebe in die Welt 

Wenn Du kannst,
. . . hab‘ ein offenes Ohr für jemanden,
. . . der nicht mehr viel Spricht
Wenn Du kannst,
. . . sei da,
. . . wenn jemand ängstlich ist
Wenn Du kannst,
. . . gib einem Hungrigen zu essen
Wenn Du kannst,
. . . gib einem Durstigen zu trinken 

Wenn Du kannst, bring‘ Liebe in die Welt 

Hohn

Es gäb‘ so viel zu sagen
Doch keiner will nur fragen
Und so tut auch keiner wagen
Was wirklich wichtig wär‘ zu sagen.

So zahlen still und leise
Alle ihre Preise
Auf die eine oder and‘re Weise
Aber hauptsache leise

Und schon hört man tönen
Wie sie laut und lauter stöhnen
Man würde sie verhöhnen
Sich an ihrem Leide frönen

So klingt wie Hohn, was ich hier schreibe
Mit ihrer Seelenqual Scherze treibe
Dabei kenn‘ auch ich am eig‘nen Laibe
Worüber ich hier wortreich schreibe

Und will nur einmal wagen
Es deutlich laut zu sagen:
Worüber so viele klagen
Damit wollen sie sich plagen