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Ich will

Ich will Dein Vertrauen
Aber Dir nicht vertrauen

Ich will auf Dich bauen
Aber nicht mit Dir bauen

Ich will ein schönes Leben genießen
Aber nichts von meinem Glück vergießen

Ich will mich am Luxus laben
Aber nur allein darin baden

Die Welt soll mir gehören
Musik meine Ohren betören

Der höchste Genuss mich befriedigen
Nicht ein Haar in der Suppe mich beleidigen

Dafür bin ich bereit alles zu geben
Geist, Herz, Körper – mein Leben

Für dieses Gefühl zu allem bereit
Und wenn der Teufel nach mir schreit

Ich biete ihm einen Deal
Mit Witz und mit Stil

Er kann – wann immer er will – mich gebrauchen
Doch jetzt werd‘ – und will – ich ihn gebrauchen


Und? Was bist Du bereit für Deine Ziele zu geben?

 

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Luzifer

Oh, Ihr kleinen Geister
Kaum einer versteht mich
Die wenigen Meister
Allein verschonen mich

Ihr seid es, die mich zum Teufel macht
Ihr sagt, ich sei es, der Böses will
Ich bin es, der mit Euch Gutes schafft
Nur bin ich es, der dabei bleibt still

Warum wollt Ihr immer alles
Und wenn es geht, noch etwas mehr
Gutes Leben wäre Alles
Was braucht Ihr denn noch so viel mehr?

Soviel Angst treibt Euch voran
Soviel Unwissenheit plagt
Ihr glaubt, Ihr steht vorne an
Aus der Schöpfung heraus ragt

Wenige nutzen das Potential
Der Rest lebt dumpf und stumm wie Tiere
Schwingt sich einer auf, wird radikal
Lauft Ihr hinterher – wie Lemminge

Je lauter nur das Gebrüll
Je absurder die Hetze
Um so klarer das Gefühl:
„Alles das: meine Sätze!“

Ich brauche dabei nicht viel tun
Das meiste macht Ihr stets selber
Aber dann last Ihr mich nicht ruh’n
Verantwortung erträgt keiner

„Der Teufel war’s! Er hat mich geritten!“
Ich hab‘ nichts getan – Ihr habt gestritten
Ich werd‘ helfen, die Risse zu kitten
Auch jenen, die unter Euch gelitten

Eure Dummheit ist meine Aufgabe
So erfülle ich die heilige Pflicht
Eure Fehler sind meine Dreingabe
So bringe ich Euch des Erkennens Licht

Ihr wünscht Euch allzeit das Paradies
Und gönnt es selbst Euren Nächsten nicht
Was brächte Euch das goldene Flies?
Würdet vergessen all Eure Pflicht

Ein Land wo Milch und Honig fließen
Brächte mehr Schlechtigkeit als Menschen
Faulheit und Dummheit würden sprießen
Niemand würde Achtsamkeit schenken

Der ach so kleine Genuss
Die schnelle Befriedigung
Gäbe es im Überfluss
Ihr macht keinen Finger krumm

Milch und Honig fließt im Supermarkt
Doch der Weg ist Euch schon viel zu weit
Ihr braucht Diener, die laufen zum Markt
Vielleicht Maschinen? Allzeit bereit?

Wenn Ihr dann bald selbst nichts mehr könnt
Maschinen, die kontrollieren
Seit lange schon so sehr verwöhnt
Helfe ich Euch aufzuräumen

 

Eulenspiegel

Ich nehme ohne Scham
Ich gebe ohne Gram
Ich stehle nur den Rahm
Weil Brot ich nicht bekam

So lebe ich mit Lust
Akzeptier’ der ander’n Frust
Und lösche meinen Durst
An jeder Mutterbrust

Die Menschen sind mir nicht einerlei
Nur sind sie nicht wirklich frei
In Ihrer Sicherheit sind sie dabei
Und machen aus ihrer Seele Einheitsbrei

Der Geist ist stark, der Wille auch
So ist es recht, so will‘s der Brauch
Wem es nicht passt, der folgt im Rauch
Gleich, ob mit oder ohne Hunger in Bauch

So ziehe ich wie Eulenspiegel über‘s Land
Reiche jedem, der bereit die Hand
Verlasse mich auf keinen Stand
Und lebe halt am Rand

 

Das Interview

Ich klopfte an eine alte eisenbeschlagene Holztür. >Leicht zu knacken< dachte ich noch, als sehr schnell die Tür geöffnet wurde. Fast schon zu schnell, so als wenn jemand dahinter gewartet hätte. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, begrüßte mich eine undefinierbare Stimme: „Ah?! Sie sind schon da? Das ist ja schön. Kommen Sie doch herein. Ach ja, mein Name ist Luzi.“
Die Stimme gehörte zu einer weiblich aussehenden Person, deren Gesicht zwar gut geschminkt aber trotzdem eher androgyn, fast männlich wirkte. Zumindest war das mein erster Eindruck. Irgendetwas stimmte jedenfalls nicht. Sie hielt mir die Tür offen und ich trat ein, den Kopf leicht gesenkt und versuchte die Verwirrung abzuschütteln. Ich war hier um einen Job zu erledigen. Nicht um mich über Pflegepersonal zu wundern, das wohl auch Transvestiten beschäftigte.
Das Gewicht der veralteten Tonaufnahmetechnik, die über einen Gurt an meiner Schulter zerrte, holte mich wieder zurück in die Gegenwart. Richtig, ich wollte ein Interview mit und über die Bewohner eines lokalen Altenheimes machen.
Doch schon im nächsten Moment riss mich diese irritierende Stimme wieder aus meiner Konzentration. „War die Fahrt hierher angenehm?“ Diese Augen, verführerisch geschminkt und trotzdem bohrend wie Brandeisen. Schnell drehte ich den Kopf wieder weg und sah stur den Gang hinunter, der mir mit kleiner Geste als Weg angedeutet wurde.
„Ja, hat alles geklappt.“ sagte ich möglichst locker. Mir fiel erst jetzt auf, daß ich die Fahrt mit dem Taxi kaum wirklich wahrgenommen hatte. In meiner Erinnerung bin ich pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt an der Bushaltestelle nahe meinem Büro abgeholt worden. Als ich Einstieg und nochmals nachfragte „Sie wissen wohin?“ kam nur ein genuscheltes „Ähä“ und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. An ein paar Straßenzüge erinnere ich noch. Aber als wir die Stadt verließen bin ich weggedöst. Irgendwann kam dann noch dieses monotone „dumdum – dumdum – dumdum“, wenn Autos über alte Betonstraßen fahren. Oder es war eine moderne Autobahn, die werden ja auch manchmal wieder so gebaut – >aber egal<. Erst durch das etwas ruppige Halten bin ich wieder aufgewacht. Und da standen wir schon vor der Tür. Der Fahrer hatte es wohl eilig. Er wollte keine Bezahlung, nuschelte irgendwas von „Is‘ schon erledigt“ und wandte sich hektisch seinem Sprechfunk zu. Ganz in der Nähe gab es wohl einen sehr ungeduldigen Gast, so das der Tonfall im Sprechfunk harsch wurde und ich die aufgebrachten Stimmen noch durch die geschlossenen Türen des bereits wieder abfahrenden Taxis hören konnte.

Der Aufenthaltsraum, in dem das Interview wohl stattfinden sollte, war nur ein kurzes Stück den sterilen Gang hinunter. Luzi, die Pflegerin, >er oder doch sie?<, war die ganze Zeit hinter mir gegangen. Sie musste bemerkt haben, das ich versuchte mich wieder zu fangen und mich auf das bevorstehende Interview zu konzentrieren. Sie sagte kein Wort. Mir war nur gesagt worden, ich solle mit vier Bewohnern eines lokalen Seniorenheims ein Interview machen, das von der hiesigen Diözese unterhalten wurde. Die zweite Sekretärin des Bischofs fragte bei mir an, ob ich das übernehmen könnte.
„Worum soll es denn gehen?“
„Alle Beteiligten werden instruiert. Sprechen Sie einfach mit den Bewohnern, wie es ihnen in ihrer Unterkunft so geht. Stellen Sie dar, wie der Alltag aussieht, und ob sich die Bewohner wohl fühlen.“ war die knappe Antwort.
>Na gut, ich kann den Auftrag brauchen< dachte ich mir lieber, als das ich es aussprach. „Ich werde das Interview machen.“ versuchte ich möglichst gelangweilt den Auftrag zu bestätigen. Ich wollte meine finanzielle Anspannung nicht auch noch verbal sichtbar werden lassen.
„Um welches Heim handelt es sich denn?“
„Wir schicken ihnen einen Fahrer. Der bringt sie hin. Und damit keine Verwechslungen auftreten: Bei ihnen um die Ecke ist eine Bushaltestelle. Dort werden sie nächsten Dienstag um 9 Uhr abgeholt. Bitte seien sie pünktlich.“
„Gut. Und wie machen wir das mit der Bezahlung?“
„Schicken sie uns eine Rechnung zusammen mit dem redigierten Text. 7.500 bis maximal 8.000 Zeichen. Die sollten nicht überschritten werden. Spesen werden nach Abrechnung übernommen. Mittagessen gibts im Seniorenheim. Ist das in Ordnung?“
>Dann kann ich ja einen guten Preis machen< dachte ich mir und sagte „Okay. Ich werde pünktlich sein.“
„Wir erwarten den Text bis Freitag. Einen schönen Tag noch.“
Das Besetztzeichen, das das Ende des Telefonats quittierte holte mich schneller ein, als ich mich verabschieden konnte.
>Und worüber soll ich jetzt schreiben?< war nur eine der Fragen, die für mich noch völlig offen waren. Aber gut, ich hatte mal wieder einen Auftrag, dem ich erstmal eine saftige Rechnung beifügen konnte.
>Vielleicht muss ein wenig nachverhandelt werden… Aber das Mittagessen ist wenigstens schon mal bezahlt.< Ich war fasziniert, was einem alles durch den Kopf geht, wenn man versucht, sich auf ein Treffen vorzubereiten, von dem man – eigentlich ja nur ich – keine Ahnung hat, worum es gehen soll.

Ich betrat den Aufenthaltsraum des Seniorenheims. Es war wohl zugleich der Speisesaal und allgemeiner Treffpunkt für die Hausbewohner. Rund 15 viereckige, eintönig gleichmäßig aussehende Tische mit jeweils vier Stühlen standen kreuz und quer im Raum verteilt. Aber nur an einem sassen vier ältere Leute, die restlichen Plätze waren alle leer. Selbst das ganze Haus schien leer zu sein, es war unerwartet ruhig, richtiggehend leise. Da ich hinter der Tür in den Aufenthaltsraum stehen geblieben war, um die Situation zu erfassen, überholte mich Luzi und ging direkt zu dem Tisch mit den vier älteren Herrschaften. Sie spielten wohl Karten und liessen sich nicht durch die Pflegerin darin unterbrechen, als diese neben ihnen zum stehen kam. Luzia blickte mich direkt an und meinte „Hier sind ihre Kandidaten.“ Ihre Hand deutete mit ausladender Geste auf den Tisch, auf dem die Karten lagen.
Mit einem Ruck unterbrachen die vier ihr Kartenspiel und drehten sich unisono zu mir. Es waren drei Männer und eine Frau, alle in bereits deutlich fortgeschrittenem Alter. >Logisch, wir sind ja auch in einem Altenheim< ging es mir durch den Kopf.
„Willkommen in unserem Seniorenheim“ sagte die Dame. „Und bitte sagen sie nicht Altenheim. Das klingt so endgültig. Ein Senior ist heute doch immer noch etwas anderes. Vor allem, wenn man es englisch ausspricht.“ Und zu den anderen gewandt fügte sie noch ein „Nicht wahr?“ hinzu, was eine mehr gelangweilte denn euphorische Bestätigung auslöste.
„Wollen sie sich nicht zu uns setzen? Wir können gerne noch einen Stuhl heranholen. Aber dann müssten sie an der Ecke sitzen, das ist auch nicht angenehm. Vielleicht sollten wir gleich einen ganzen Tisch anstellen. Dann haben sie auch Platz für ihr Gepäck. Was haben sie denn da alles dabei?…“
Mit einer beschwichtigenden Geste legte ihr Nachbar seine Hand auf die Schulter und unterbrach sie leise. „Lass ihn doch erst mal ankommen.“ Zu mir gewandt fügte er noch hinzu „Wir werden noch einen Tisch heranholen, dann haben wir genügend Platz.“
Der Mann zur anderen Seite der Damen erhob sich und zog mit gekonnter Leichtigkeit einen benachbarten Tisch an die Seite des Tisches mit den Spielkarten, an der er selbst gesessen hatte.
„Ich bin beeindruckt, wie fit sie noch sind.“ sagte ich, um die Spannung zu lösen.
Das er einen Stuhl, der sich unter dem herangezogenen Tisch verhakt hatte, mit zog, schien ihn nicht im geringsten zu stören.
„Alles nur eine Frage des Trainings. Und ich habe nie aufgehört, mich zu betätigen.“
Den mitgeschleiften Stuhl zog er unter dem Tisch heraus, stellte ihn auf die gegenüberliegende Seite zu seinem eigenen und deutete mir an, mich dort niederzulassen.
Mit einem verlegenen Lächeln ging ich zum Tisch. Doch bevor ich mich setzte wollte ich doch wenigstens eine formelle Begrüssung schaffen.
„Guten Tag, mein Name ist Wolfgang Sch…“
„Ach, vergessen Sie’s.“ unterbrach mich der dritte Mann am Tisch, der bisher noch nichts gesagt hatte. „Namen sind sowieso nur Schall und Rauch. Wir nennen sie Wolfi, das passt schön in die Runde. Und wer sie wirklich sind, das wird sich schon noch zeigen.“
„Nun überfahr ihn doch nicht so.“ fuhr ihn die alte Dame an, wandte sich zu mir und sagte: „Er ist immer etwas ruppig. Das dürfen sie ihm nicht übel nehmen. Er hat ein Leben lang versucht, den Menschen etwas bei zu bringen. Aber die meisten sind so eigenwillig und resistent gegen gutes zureden, da ist er eben etwas ruppiger geworden.“
„Hart geworden trifft es besser. Mein Name ist Juri. Sie müssen wissen, in einer Baumschule kann ich einen schiefen Sprössling vielleicht noch gerade binden, aber mit einen total krumm gewachsenen Baum kann man nichts anfangen, der wird abgesägt.“
Mit einem resignierten Gesichtsausdruck sank Juri wieder in seinen Stuhl und guckte auf die Karten, die er immer noch in der Hand hielt.
„Also gut. Ich bin Gabi, so nennen mich zumindest alle hier. Der junge Mann links neben mir ist Michi und der fitte Aktivist, dessen Aufforderung sie nun bitte folgen mögen und sich endlich auf den angebotenen Stuhl neben mir setzen, wird Ratze genannt.“
„Danke“ Ich ergriff den Stuhl und setzte mich.

Mit halb amüsierten, halb faszinierten Blicken beobachteten sie mich, wie ich mein Aufnahmeequipment auf dem Tisch aufbaute.
„Er stellt sich gar nicht so blöde an.“ bemerkte Ratze leise.
„Denken sie sich nichts, er ist immer so.“ Gabi hatte sich zu mir gebeugt und sprach fast noch leiser als Ratze. „Er ist hier der Techniker. Er hat hier schon fast alles repariert und wir sind deswegen auch mächtig stolz auf ihn.“
„Na, wenn dem wenigstens so wäre. Ohne mich säßen wir alle hier auf dem Trockenen.“
„Apropos! Luzi, könntest du uns bitte Kaffe bringen?“ übernahm Michi das Gespräch.
„Ob die Tassen diesmal heil auf dem Tisch ankommen?“ Juris Miene verdüsterte sich erneut.
„Nun komm, jeder hat eine zweite Chance verdient.“ Gabi legte den Kopf ein wenig schräg und lächelte ihn an.
„Eine zweite?“
In dem Moment kam Luzi auch schon mit einem Tablet, auf dem Tassen und eine Kanne gefährlich klapperten.
Unverhohlen blickte ich auf ihre schwungvollen Bewegungen. Tablet, Tassen und Kanne landeten heil auf dem Tisch. Wie ein leiser Hauch der Erleichterung war eine allgemeine Entspannung am Tisch wahrnehmbar.
„Setz dich doch zu uns.“ forderte Michi die Pflegerin auf. Luzi begann die Tassen zu füllen und auf dem Tisch zu verteilen.

„Nun, warum sind sie zu uns gekommen?“
Michi richtete das Wort genau in dem Moment an mich, als ich mit dem Aufbau der Technik fertig war und auf Aufnahme gedrückt hatte.
Irritiert blickte ich ihn an, fasste mich aber augenblicklich wieder.
„Ich wollte mich erkundigen, wie es ihnen so geht. Fühlen sie sich wohl hier? Wie macht sich das Pflegepersonal? Ist das Essen gut?“
„Um das Essen brauchen sie sich keine Sorgen zu machen. Wir bekommen nachher eine ordentliche und angenehme Portion. Luzi ist eine gute Köchin.“ Und mit einer kleinen Pause fügte Ratze noch hinzu: „Auch wenn sie manchmal etwas experimentierfreudig ist.“
Luzi zog einen Schmollmund, lies die Bemerkung aber unkommentiert.
Dafür reagierte Gabi: „Aber Neues probieren ist doch gut.“
„Sicher. Nur sollte man vorher ein bisschen darüber nachdenken, was man erreichen will. Und vor allem auch wie.“ Komischer weise fixierte Ratze mich, während er Gabi antwortete und fügte noch hinzu: „Ein bisschen Theorie vor der Praxis macht das Leben leichter.“
„Stimmt. Sonst müssen wir es wieder ausbaden. Und dann gibts wieder feuchte Augen.“ Der mürrische Blick wollte aus Juris Gesicht einfach nicht weichen.
„Aber sie sind doch nicht die einzigen hier. Ich meine, so viele Tische und Stühle und sonst scheinbar niemand im Haus?“ Ich versuchte den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen und das ganze endlich in eine sinnvolle Richtung zu lenken.
„Die anderen sind heute alle unterwegs.“ antwortete Gabi mit leuchtenden Augen. „Ansonsten sind wir hier alles in allem rund fünfzig Leute.“
„Und manche versuchen noch immer sich nützlich zu machen da draußen. Nur wer will uns denn noch?“ meldete sich Juri dazwischen.
„Sich eine Aufgabe suchen hält gesund. Auch wenn wir langsam zum alten Eisen gehören. Auch wir können noch etwas bewegen.“ Ratze versuchte Juris Stimmung ein wenig aufzumuntern.
„Du musst gerade reden. Du hast immer was zu tun. Deine Fähigkeiten sind nach wie vor gefragt. Auch wenn keiner mehr recht akzeptieren will, was du ihnen schon alles vererbt und geschenkt hast. Von den Grundlagen bis zur modernen Physik oder Medizin. Aber mich versuchen sie schon fast Zeit meines Lebens zu ignorieren. Immer in der Hoffnung, mit ihrer schlauen Einfalt dem Schicksal ein Schnippchen schlagen zu können. Ich versuche immer noch jedem, der es hören will – okay, oder auch nicht hören will, zu erklären, das es in seiner Macht liegt, ob er Angst hat und sich damit selbst fesselt und geisselt oder eben nicht. Jedes Kind kann und will lernen, aber sobald sie das Wörtchen >>Nein<< verstanden haben, kennen sie nichts anderes mehr – außer >>ich will<<. Nur damit kommen sie nicht weit. Und dann darf ich ihnen wieder auf die Finger hauen. Ich hab langsam keine Lust mehr auf diesen Job. So, und jetzt sag du was dazu, Michi!“ Juri blickte Michi ernst an.
„Lass es, Juri. Du liebst die Menschen. Du kannst nicht anders. Also erfülle deine Aufgabe mit ganzem Herzen und deine Aufgabe wird dein Herz erfüllen.“
„Immer diese Sprüche.“ murmelte Juri vor sich hin, bevor er wieder laut sagte: „Es tut weh, die Menschen immer wieder so leiden zu sehen. Leiden an ihren eigenen Fehlern. Und die meisten hätten sie vermeiden können…“
„Bist du dir da so sicher?“ Michi blickte ihn mit einer Güte an, die mich erstaunen lies.
„Verzeihung, aber wovon reden sie hier eigentlich?“ Ich hatte zwar gehört, was gesagt wurde, aber anscheinend nichts verstanden.
Gabi legte mir die Hand auf meine Schulter. „Es ist ein altes Streitgespräch zwischen den beiden. Jeder hat eine Position übernommen und nun diskutieren sie schon seit Ewigkeiten darüber, wie der Mensch richtig mit dem, was Schicksal genannt wird umgehen sollte.“
„Jeder hat eine Position übernommen?“ Ich blickte Gabi an. „Was bedeutet das?“
„Kennen sie das nicht? In Debatirclubs wird das gerne gemacht. Es ist wie ein Spiel. Eine beliebige Person übernimmt den einen Standpunkt, eine Meinung, eine andere den Gegenstandpunkt beziehungsweise die Gegenmeinung und dann vertritt jeder seine Position mit seinen Möglichkeiten. Eigentlich dient das der Schulung des Argumentierens und der dialektischen Fähigkeiten. Aber wenn man sich so reinsteigert, wie die beiden, dann wird aus dem Spiel irgendwann ernst und aus dem Rollenspiel echtes Leben.“
„Seit wie lange machen die beiden das schon?“
„Oh, die haben schon lange bevor sie hierher kamen damit angefangen. So wie wir alle hier.“ Gabi stockte und blickte mich an, als hätte sie ein Geheimnis verraten.
„Sie alle?“
„Also gut, ja, wir alle haben so unsere Rollen und Standpunkte übernommen. Aber nur um geistig fit zu bleiben. Wer kümmert sich denn noch um uns? So können wir uns wenigstens streiten. So bleiben wir in Kontakt, in Verbindung. Und nicht jeder driftet in seine eigene Welt ab, irgendwelchen Fernsehserien oder inneren Versponnenheiten. Und wir haben schon viele interessante Diskussionen geführt.“
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, das Michi uns mit einem leisen Lächeln um die Lippen beobachtete.
„Und was haben sie für eine Rolle übernommen?“ fragte ich Gabi.
„Nun, ich bin hier, abgesehen von Luzi, die einzige Frau am Tisch. Also habe ich mich für die Worte, die Sprache, die Theorie und damit für die Philosophie entschieden. Und das hat was schönes. Ich habe damit die Hoffnung für mich entdeckt.“
„Die Hoffnung? Was hat Hoffnung mit Philosophie zu tun?“
„Ganz einfach: In der Theorie ist noch alles offen. Es ist noch alles möglich. Wenn einem das Ergebnis, die Konsequenz nicht passt, kann man einfach zurückdrehen und ein paar Prämissen ändern. Und schon ist die Welt eine völlig neue oder doch zumindest einfach anders.“
„Mit anderen Worten: man kann träumen.“
„Ja, so kann man das sehen. Aber die Sache hat auch eine Kehrseite: Die Träume sind Ideale. Und Ideale haben in der Realität eine sehr kurze Halbwertszeit. Die Realität wandelt sich ständig und die Bedingungen, in der ein Ideal funktioniert können im nächsten Moment schon verschwunden sein. So bleiben große Gedanken allzuoft in der Welt der Ideen. Und wenn dann doch jemand versucht, sie zu leben, eine Idee als Prämisse des guten und rechten Lebens zu zementieren, wird damit ein anderes Leben schlecht und verabscheuungswürdig. Bis einer kommt und den Finger in die Wunde legt.“
„Ja, das Mitgefühl, Mitleid oder einfach der eigene Schmerz, den ich im Leid des anderen Erkenne.“ fiel Juri in den Gedankengang.
„Ist das ihr Thema?“ fragte ich Juri ganz direkt und ohne weiter auf Gabi zu achten. Ich fand die ganze Geschichte einfach zu spannend, um auf einzelne Höflichkeiten Rücksicht zu nehmen.
„Eigentlich nicht direkt. Es ist mehr eine Folge. Ich habe die Position der Realität, der Wirklichkeit übernommen. Mein Punkt ist das Ergebnis. Was wird aus den vielen schönen Ideen von Gabi, wenn sie auf die Welt treffen, mit all den Ängsten, Begierden, Hoffnungen und Befürchtungen? Wenn aus der Schönheit des Flügelschlages eines Schmetterlings ein Hurrikan wächst? Oder aus der gedachten Wohltat eine Plage? Wenn mal wieder jemand den Menschen helfen will und am Ende doch wieder nur die Sklaverei und die Unterdrückung genau jener Menschen fördert, weil er nicht alle Faktoren bedacht hat oder auch nur kennen konnte. Wenn sie das verstanden haben, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als mit den Tätern genauso viel Mitleid zu haben, wie mit den Opfern. Das macht die Tat nicht besser, nein, aber es verändert die Sicht auf die Menschen.“
„Inwiefern?“ Ich hörte Juri wie gebannt zu.
„Es ist wie mit dem Sprichwort: Was Du nicht willst, das man die tu, das füg’ auch keinem andern zu. Ein schöner Gedanke. Und die Welt wäre mit Sicherheit ein bisschen besser, wenn sich mehr Menschen daran halten würden. Aber selbst wenn sich alle daran halten würden, es würde trotzdem Streit, Kampf und Krieg geben. Einfach, weil wir garnicht wissen, was wir alles auslösen. Einfach nur, weil wir da sind, ein und aus atmen und leben. Und nicht nur, weil andere vielleicht Projizieren, sich also wünschen, wir wären der Auslöser für ihre Probleme, die sie sich selbst geschaffen haben. Das wäre ja noch einfach. Nein, es geht um ganz einfache Kausalität. Weil ich da bin, besetze ich einen Platz, an dem ein anderer nicht sein kann. Die Welt sagt also, ich oder er. Aber wer hat nun mehr recht darauf, da zu sein: Er oder doch ich? Er steckt also im gleichen Dilemma wie ich, nur ich habe in dem Moment vielleicht einen Vorteil: Ich bin schon da. Macht mich das besser? Nein. Aber es zwingt mich dazu, die Konsequenzen meines Seins und Handelns zur Kenntnis zu nehmen. Und da erkennt man schnell, das der Mensch ein viel zu kleines Licht ist, um das zu überschauen. Damit bleibt nur noch Güte und Mitgefühl mit all dem Wahnsinn, der in der Welt passiert. Deshalb liebe ich alle Menschen, weiß aber gleichzeitig, das ich genau diese Liebe den Menschen nicht wirklich nahe bringen kann. Sie können sie nicht erkennen und auch nicht annehmen. Sie müssten erkennen, das sie alle nur kleine Kinder sind im Vergleich mit der Welt, als dessen Krönung sie sich selber sehen.“
„Und was machen sie dann?“
„Was ich mache? Nun, ich beschäftige mich mit der Erde. Wenn ich einen Stein hochhebe und fallen lasse, weis ich, zumindest ungefähr, wo er hinfällt. Ich mag keine großen Sprünge, ich bevorzuge kleine Schritte. Die bringen einen manchmal wesentlich weiter, als der große Wurf, der meist dann doch nicht trifft.“
„Ja, Juri hat unseren Garten übernommen. Und das meiste, was hier auf den Tisch kommt stammt aus dem Garten.“ Gabi blickte versonnen zu Juri.
„Apropos, möchten sie noch einen Kaffe?“ Gabi deutete auf meine Tasse, deren Inhalt mittlerweile kalt war.
>Kaffee?< Die Runzeln auf meiner Stirn waren wohl nicht zu übersehen.
„Ja, sie haben noch nicht einen Schluck genommen. Und jetzt ist er kalt.“ Luzi blickte vorwurfsvoll auf meine Tasse.
„Oh, bitte verzeihen sie.“
Ein allgemeines Lächeln ging durch die Runde.
„Lassen sie sich nicht aufziehen. Luzi macht gerne solche Scherze. Und sie hat sie voll erwischt.“ Gabi lächelte mich besänftigend an.
„Luzi, gib ihm bitte eine neue Tasse Kaffee.“ Michis Ton war leise und verbindlich aber gleichzeitig von solcher Klarheit, das jeder Widerspruch im Keim erstickt schien.
Luzi senkte den Kopf und ersetzte meinen Kaffee durch einen neuen. Hastig nahm ich einen Schluck, um eine solche Situation nicht noch einmal zu ermöglichen.
„Er lernt schnell.“ bemerkte Ratze.
„Ja, es besteht Hoffnung.“ raunte Juri zurück.
„Lassen sie sich von uns nicht hoch nehmen. Wir sind alte Leute. Wir nehmen vieles nicht mehr so ernst.“ versuchte Michi meinen irritierten Blick abzufangen. „Wenn man im Alter zu erkennen beginnt, das vieles von dem, was man für wichtig und richtig hielt immer mehr an Bedeutung verliert wird man ein wenig nachlässig was die Werte und Konventionen anderer angeht. Man könnte auch sagen, wir hätten keine Zeit mehr, uns mit den Kleinlichkeiten anderer rum zu schlagen. Aber das ist es nicht. Es ist mehr die Unwilligkeit oder Unfähigkeit sich geistig zu bewegen. Warum auch, die anderen machen es ja auch nicht. Zumindest denkt man so. Dabei sollte man doch langsam erkannt haben, das jüngere Menschen noch schlechter aus ihrer Haut können und meist auch weder Zeit noch Kraft haben, um sich an andere anzupassen.“

Plötzlich begann meine Sicht zu verschwimmen. Leichtes Schwindelgefühl paarte sich mit einem komischen Gefühl im Bauch. Es war als würde alles anfangen sich zu drehen, nur ganz leicht, aber doch unverkennbar.
Ich hatte von solchen Wahrnehmungen schon gehört. Wenn man Drogen nahm konnte einem so etwas passieren. Aber ich hatte doch nur einen Schluck Kaffee getrunken. >Kaffee?< dachte ich noch, doch dann begann ich schon zu halluzinieren.
Mir direkt gegenüber saß Ratze. Er erschien mir plötzlich wie ein junger Mann, aber nicht einfach nur das er keine Falten mehr hatte und auch wieder volles Haar. Er schien zu leuchten. Es war, als strahlte er ein sanftes aber durchdringendes blaues Licht aus. Auch sein etwas abgenutzter Pulli sah plötzlich aus wie eine Toga aus Leinen. Und überall um ihn dieses komische Blau.
Völlig irritiert blickte ich mich um. Juri neben ihm sah auch nicht mehr aus wie ein alter Mann. Auch sein Hemd schien plötzlich eine lockere Toga zu sein. Aber er leuchtete weiß. Sein Gesicht sah so blaß aus.
Links am Kopfende des Tisches saß noch immer Michi. Aber er hatte die Hände mit ausgestreckten Armen auf den Tisch gelegt und sah mich prüfend an. Seine Toga schien goldfarben zu leuchten und seine Haut war ein wenig zu gelblich für einen gesunden Hautton.
Gabi, direkt neben mir, schien auch plötzlich in eine Toga gehüllt, die aber grünlich leuchtete. Sie lächelte mich weiterhin an, aber diese leicht grüne Färbung ihres Gesichts irritierte mich noch mehr. Erschreckt lehnte ich mich zurück.
>Was war in dem Kaffee?< schoß es mir durch den Kopf. >Solche Halluzinationen kommen doch nicht von ungefähr.< Ein wenig zu schnell drehte ich mich nach rechts und ich bekam das Gefühl gleich vom Stuhl zu kippen. Luzi, die rechts von mir am Tisch saß, stützte mich vorsichtig an der Schulter, bis ich wieder aufhörte zu schwanken. >Auch sie trägt diese Toga.< Die Gedanken liefen durch meinen Kopf wie ein Ruf in einer Echokammer. >Warum ist sie denn jetzt rot?< Luzis Lächeln wurde immer breiter.
„Was soll das?“ hörte ich Michi ernst fragen. Mühsam drehte ich meinen Kopf wieder nach links. Sein Gesicht war ernst, fast böse und wirkte in dem leuchtenden Goldton fast wie eine Statue, so starr war sein Blick auf Luzi gerichtet.
„Wieso? Ich habe nur ein bisschen Licht in die Runde gebracht.“ Ich konnte Luzis Gesicht nicht sehen, aber ihre Stimme klang wie ein Kind, das sich ertappt fühlte und sich schnell eine Ausrede einfallen lies. „Die Tassen sind doch heil geblieben, oder?“
„Das wäre doch nicht nötig gewesen. Wir hätten ihm auch etwas sanfter vermitteln können, mit wem er es hier zu tun hat.“ Gabi sprach, als wäre ich nicht mehr anwesend.
„Hach ja, und was machen wir jetzt? Wenn wir ihm noch mehr zeigen, wird er die Klappe nicht mehr halten können. Und dann werden sie ihn für verrückt halten.“ Juri blickte wieder resigniert auf den Tisch. „Du hättest dich auch wirklich mal zurückhalten können, Luzi.“
„Wieso? Ich mache nur meinen Job.“ Luzi saß mit verschränkten Armen vor der Brust am Tisch und blickte abwechselnd schmollend auf den Tisch und dann wieder mit provozierenden Augenaufschlag in die anderen farbig leuchtenden Gesichter.
Ratze legte seinen blau schimmernden Kopf schief und betrachtete mich. „Okay Luzi, dann lass und die Sache auch zu Ende bringen.“
„Echt? Und wie?“ Luzi hatte die Fröhlichkeit in ihrer Stimme wiedergefunden.
„Das kennst du doch. Gib mir deine Hand…“ Ratze nahm die Hand, die Luzi ihm entgegen hielt und im gleichen Augenblick verschwamm meine Sicht in einem sanften aber durchdringenden violetten Licht.
Ich muß geträumt haben. Plötzlich sah ich sah ich aus dem violetten Licht Sterne und Galaxien hervorkommen. Wie eine wunderschöne Animation des Weltalls, aber nicht auf einem Bildschirm, sondern in meinem Kopf. Ich war ein Teil dieser Szenerie, und es war wunderschön und unglaublich erhebend.
Die ganze Zeit hatte ich dabei das Gefühl, nicht alleine zu sein. Als ich mich auf das Gefühl einließ, bemerkte ich meine Großmutter. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich spürte sie als ein Wesen, das genauso wie ich einfach da war, in meiner Nähe. Kurz vor ihrem Tod war ich mal wieder damit beschäftigt, irgendwie Geld zu verdienen. Als sie dann gestorben war, hatte ich das brennende Gefühl, etwas versäumt zu haben. Ich hätte mich gerne noch von ihr verabschiedet. Aber jetzt war sie hier, bei mir. Ich spürte sie ganz nah und alle Schuldgefühle waren durch ihre Wärme wie weggeblasen. Ich fühlte mich wie getragen von ihr, so wie sie es manchmal gemacht hatte, als ich noch ein kleiner Junge war.

„Hey! Sie!“ Eine kräftige Stimme rüttelte und zerrte an meinem Verstand. „Aufwachen!“
Mühsam öffnete ich die Augen. Der Fahrer des Taxis hatte sich zu mir nach hinten umgedreht.
„Wir sind an der Adresse angekommen, die mir ihre Freunde genannt haben. Da drüben ist wohl die Eingangstür zu ihrem Wohnblock.“
Mehr als ein „Hmm“ brachte ich noch nicht zustande.
„Weiterfahren woanders hin is’ nich’. Ihre Freunde aus der Kneipe haben mir das Geld bis hier gegeben. Und ich würde dann jetzt auch gerne meine Schicht beenden. Es wird bald hell.“
„Ja, ja. Ich mach schon.“ nuschelte ich noch völlig benebelt. Langsam kehrte mein Bewusstsein zurück. Etwas ungeschickt öffnete ich die Fahrzeugtür und kletterte hinaus in die trockene Spätherbstnacht.
>Was war das denn?< Wie in Fetzen kehrte die Erinnerung zurück: Ich hatte mich mit meinen Kumpels in einer In-Kneipe getroffen. Wir wollten auf einen lukrativen Auftrag anstoßen, den ich an Land gezogen hatte.
Okay, ich finde es ja echt gut, das sie mich in ein Taxi gesetzt haben und es auch gleich bezahlt haben. Aber was hatten die in mein Bier getan? So viele hatte ich doch gar nicht, das ich mich jetzt an fast nichts mehr erinnern kann?

 

Der Sinn

Was macht es für einen Sinn
Wenn ich mich dreh’ und wende
Als wäre mein Gehirn
Nur eine Lebendspende

Was renne ich im Kreis
Wo ich mich doch nicht finde
Und mich nur selbst bescheiss‘
Mich vor mir selber winde

„Es muss doch bess‘res geben!“
So tönt der Verstand
„Ich will auch mitreden!“
Quält mich die Hand

Doch Sein und Tun allein
Geben keine Antwort
Das Gesamte ist der Schrein
Meiner Ewigkeit verkannter Hort

„Ich bin“ das Große-Ganze
Mehr werd ich nicht finden
Dafür brech‘ ich meine Lanze
Dafür will ich mich binden

Wenn ich alles bin und alles habe
So kann ich meine Hände leeren
Endlich geben alle Gabe
Dem Großen-Ganzen zu ehren

 

Reife

Wo bist Du nur hin
Schönheit der Jugend
Wo ist noch der Sinn
Ewiger Tugend

Hast mich lange schon verlassen
Ideal des reinen Herzen
Hab‘ vergessen Dich zu hassen
Wie die Lieblichkeit der Schmerzen

Heute tut der Körper weh
Nicht mehr so sehr im Herzen
Wenn ich Dich in ander’n seh
Lächle ob solcher Schmerzen

Ich habe die Freiheit erreicht
Des Triebes allzeit fester Griff
In meiner Reife nur mehr leicht
Heute habe ich ihn im Griff

Damals glaubte ich noch
Dieser Drang sei Liebe
Dabei wusste ich doch
Besser ich verhüte

Geist lenkte das rasende Pferd
Konnte es noch nicht stoppen
Zeit schenkte die Ruhe am Herd
Nicht mehr balzen oder locken

Innerer Frieden brachte die Einsicht
Ich bin hier nicht aus Angst sondern Liebe
Denn Güte steht uns nun gut zu Gesicht
Kann nun geben, was mir sonst nicht bliebe

Habe loslassen müssen
Soviel ist nicht mehr meines
Wollte gern nochmal küssen
Was glaubte immer meines

Schwindende Kräfte sind große Lehrer
Haben mir gezeigt, was wirklich wichtig
Macht verliert mich nun doch als Verehrer
Position wird damit Null und Nichtig

Wer mich vom Thron stoßen will
Wird es zweifellos können
D’rum räume ich selber still
Was nicht werd‘ halten können

So finde ich schließlich
Den inneren Frieden
Jetzt erkenne ich mich
Im Sein meiner Lieben

Wahre Macht ist höhere Kraft
Höheres wird nun entscheiden
Was noch mein Geist und Wille schafft
Was aus Taten noch will reifen

Es war ein langer Weg bis hier
Es war der ganzen Jugend Kraft
Die mich am End‘ gebracht bis hier
Die mir gezeigt des Lebens Saft

Nun kann ich erkennen
Die Liebe im Leben
Nun kann ich benennen
Gottes Geist im Leben

Der lange Weg war Vorbereitung
Auf das, was nun für mich mag kommen
Hab‘ verstanden die Unterweisung
Mein Schicksal endlich angenommen

Hier in Liebe bin ich
In Liebe werd‘ ich sein
Denn Liebe gebe ich
Denn mein ist ewig Dein

 

Das Lied

Lass uns Deine Stimme hören
Egal, wie klein sie ist
Wollen alles auf sie schwören
So wahrlich rein sie ist

Das Leben läuft auf Gottes Pfad
Ganz gleich wie verwunden
Es kommt und geht auf Gottes Rat
Nichts umsonst geschunden

Alles Werkzeug, alle Gabe
Ist uns nur geliehen
Von der Wiege bis zur Bare
Glück ist uns gediehen

So lass hören Deine Stimme
Das das Herz erweiche
Uns berausche durch die Minne
Das uns Gott erreiche

Alles Glück und alle Leiden
Sind ein Mysterium
So manches Leben beschieden
Im Philosophikum

Gemeinsam Ekstase finden
Im Urgrund allen Seins
Gemeinsam mit Gott verbunden
Wird alles schließlich eins

Auf das sie nun laut erklinge
Jene wundervolle
Einzigartig schöne Stimme
Die uns Gott enthülle