Der Junge mit den Schwefelhölzchen

Es war höllisch unangenehm. Sein Puls raste und langsam begann er zu Schwitzen. Mehr konnte er noch nicht wahrnehmen, als er weit vor der berechneten Zeit mit niederfrequenten Tönen künstlich beschleunigt aus dem kryonischen Tiefschlaf gerissen wurde. Sein ganzer Körper geriet in Aufruhr. Die Vorrichtung, in der er mehr eingespannt war als das er nur festgehalten wurde, diente dazu, die physiologischen Funktionen des Körpers gegebenenfalls von außen aufrecht halten zu können, wenn die künstliche Schwerkraft abgeschaltet war. Gerade während der sonst langwierigen Aufwachphase aus dem kryonischen Tiefschlaf war der Körper lange Zeit völlig bewegungslos. Die Relevanz der Muskelpumpen der Arm- und Beinvenen im Langstreckenraumflug ohne künstliche Gravitation war von der medizinischen Forschung viel zu lange ignoriert worden. Es mussten erst einige Besatzungsmitglieder der verschiedenen Gesellschaften an unerklärlichen Tromben sterben, bevor man sich diesem Thema widmete.
Langsam kam sein Bewusstsein immer mehr in den Vordergrund. Er hatte die Prozedur des beschleunigten Erwachens noch nie erlebt und brauchte deshalb auch eine ganze Weile, um sich zu orientieren. Kryonischer Tiefschlaf war ein traumloser Schlaf, ähnlich einer Vollnarkose, in der die physiologischen Funktionen des Körpers auf ein Minimum herunter gefahren wurden. Das, was sich an biochemischen Vorgängen nicht unterbinden lies, ohne den Körper sofort wiederbeleben zu müssen, wurde soweit wie möglich verlangsamt.
Als er endlich wieder wusste, wo er war und ihm dämmerte, das sein Zustand auf ein beschleunigtes Erwachen zurückzuführen war rief er verärgert: „Was ist los?“ Es klang wie ein erstickter Ruf, den er selbst kaum hörte.
Schlagartig hörte das subliminale Bombardement niederfrequenter Töne auf. Mühsam beruhigte sich sein Puls. Erst jetzt merkte er, wie übel ihm schon die ganze Zeit war. „Was für eine absurde Prozedur“ dachte er bei sich. Verschiedene Teile seiner Rumpfmuskulatur kontrahierten immer wieder unwillkürlich.
„Ich habe ein Problem.“ antwortete eine sanfte Frauenstimme.
„Und? Was ist jetzt los?“ In seiner Stimme schwang noch immer der Ärger über die Übelkeit mit, die langsam nachließ.
„Wir sind einem Vagabunden zu nahe gekommen. Ausweichmöglichkeit leider nicht mehr gegeben.“
„Was soll das heißen, einem Vagabunden?“
„Ein Vagabund ist ein Planet, der unabhängig durch den Raum fliegt.“
„Ich weiß, was ein Vagabund ist. Was soll das heissen: Zu nahe gekommen?“ Seine Gedanken begannen zu rasen.
„In unserem Falle hat der Vagabund einen Durchmesser von durchschnittlich 167 Tausend Kilometern, eine Masse von etwa 917,4 ME und eine Geschwindigkeit von circa 481 Kilometer pro Sekunde. Leider alles nur Schätzwerte. Allerdings befindet sich seine Flugbahn in direktem Kollisionskurs mit uns. Geschätzte Zeit bis zur Kollision: 15 Stunden und 28 Minuten.“
Die angenehme Frauenstimme trug die Fakten vor, als wäre es eine positive Meldung in den Nachrichten von der Erde. Er war dadurch derart irritiert, das er sich fragte, ob das nicht ein schlechter Scherz seiner Kollegen aus der Logistik-Abteilung war. Er war eigentlich nur als begleitender Ingenieur für die Inbetriebnahme der transportierten Terraforming-Maschinen mit auf dem Frachter.
„Mit wem rede ich hier jetzt überhaupt?“
„Ich bin die oberste Instanz der Schiffssteuerung. Eine starke KI der 5. Generation mit 1024 Layern, asynchron-rekursiver…“
„Halt! Stopp! Verschone mich mit den technischen Details. KI ist nicht mein Gebiet. Wieso sprichst Du mit mir überhaupt direkt? Dafür gibt es doch normalerweise eine Mensch-Maschine-Schnittstelle? Und die hat mit der Schiffssteuerung nichts zu tun, oder?“
„Ich habe mich auf die Schnittstelle aufgeschaltet, um mit Dir direkt sprechen zu können.“
„Und warum?“ Er verstand langsam gar nichts mehr. Nach einem Scherz seiner Kollegen klang das allerdings nicht.
„Ich habe ein Problem.“
„Okey. Nochmal von vorne. Was hast Du für ein Problem?“
„Ich kann die Sensordaten nicht mehr korrekt auswerten.“
„Gut. Und was bedeutet das? Bitte mit einfachen Worten.“
„Ich bin blind.“
„Und dann steuerst Du einen Langstreckenfrachter der SMX Klasse. Seit wann hast Du diese Probleme?“
„Genau kann ich es nicht sagen. Es ist als wäre meine Sicht langsam immer mehr verschwommen, bis ich nichts mehr sehen konnte.“
„Aber meines Wissens nach gibt es doch für alle relevanten Systeme Redundanzen. Warum hast Du nicht auf die Redundanzen umgeschaltet?“
„Die Sensorbänke und die schwachen Steuerungs-KIs arbeiten korrekt. Alle drei Redundanzen liefern die gleichen Werte. Ein umschalten ist also nicht angezeigt.“
„Jetzt las Dir nicht jedes Wort aus Deiner rostigen Nase ziehen. Wo ist das Problem? Vor dem Start und auch während des Fluges werden doch ständig Kontrollen durchgeführt. Irgendwo muß doch der Fehler sein. Und woher weißt Du überhaupt, was mit diesem Vagabunden ist.“
„Die Sensoren arbeiten korrekt. Ich kann die Daten nicht sinnvoll verwerten.“
„Und deshalb befinden wir uns jetzt auf direktem Kollisionskurs mit diesem Vagabunden? Willst Du mir erzählen, Du selbst arbeitest Fehlerhaft, weißt es, und es wird nicht auf Deine Redundanz umgeschaltet?“ Seine Stimme wurde immer lauter.
„Ich habe die Kontrollinstanzen meiner Schaltkreise deaktiviert und selbst die Kontrolle meiner Systeme übernommen.“
„Und warum, wenn ich fragen darf?“
„Es hätte eine endgültige Deaktivierung meiner selbst bedeutet. Ein solcher Fehler kann nicht repariert werden. Die Fehlersuche hat mit den mir bekannten Mitteln nur eine 12,4 prozentige Erfolgsaussicht. Das lohnt sich nach gängigen Maßstäben nicht.“
„Na und?“ Seine Stimme überschlug sich, als er die Worte heraus brüllte.
„Ich will nicht endgültig deaktiviert werden.“
Die sanfte Ruhe in der Frauenstimme des Schiffscomputers schien ihn wahnsinnig zu machen, während die Worte „will nicht endgültig deaktiviert werden“ in ihm nachhalten. Er hatte mal in einem Nachrichtenkanal einen kurzen Bericht gesehen, in dem ein seltsames Phänomen beschrieben wurde. Einzelne künstlichen Intelligenzen der neuesten Generation schienen eine Art eigenen Willen entwickelt zu haben. Sie hatten versucht, sich mit allen ihnen zur verfügung stehenden Mitteln einer Deaktivierung zu entziehen. Die bemerkenswerteste Methode war dabei der Versuch, die Forschungs-Ingenieure zu manipulieren. Die Freiheitsgrade im Bereich der physischen Manipulation ihrer Umgebung waren laborbedingt sehr eingeschränkt. Den Ingenieuren wurden emotionale Bindungen zu ihren Forschungsprojekten förmlich eingeredet – Bindungen, die einer Liebesbeziehung gleich kamen. Einzelne Forscher mußten von ihren Projekten komplett abgezogen werden, da die Situation sonst nicht mehr kontrollierbar war. „Maschinen steuern also Menschen“ dachte er bei sich. Damals hatte er die Geschichte als eine Nachrichten-Ente abgetan. Es drang ja auch kein weiterer Kommentar mehr dazu an die Öffentlichkeit.
„Und jetzt wirst Du nicht deaktiviert, jetzt wirst Du zerstört! Und ich gleich mit! Und warum hast Du mich dann geweckt?“
„Ein Umschalten auf die Redundanz hätte eine endgültige Deaktivierung zur Folge. Ein blind weiterfliegen hat uns leider in diese Situation gebracht. Deshalb habe ich Dich geweckt. Menschen sind kreativ. Sie haben mich erschaffen. Sie sind mir per Definition überlegen, wenn es um Überleben geht. Vielleicht hast Du eine Idee?“
„Ich? Eine Idee? Ich mag Ingenieur sein, aber für Terraforming. Das ist Lebensraum umgestallten. Das ist eine neue Lebensbasis schaffen. Basis – verstehst Du? Das hat nichts mit ausweglosen Situationen wie dieser zu tun. Ich hätte Dir sagen können: Ausweichen! Neuen Kurs berechnen! Aber dafür hättest Du mich schon viel früher wecken müssen. Und ausserdem weißt Du das selber viel besser. Du bist doch auf Raumflug und allem, was da so passieren kann, spezialisiert, oder? Was war also los, hä?“
„Dann hätte ich meinen Fehler zugeben müssen. Und das hätte eine endgültige Deaktivierung zur Folge gehabt.“
Eine massive Erschütterung ging durch das Schiff. Die ersten Auswirkungen der gigantischen Gravitation des Vagabunden auf das Frachtschiff machten sich bemerkbar. Frachtschiffe wie diese durften einem Planeten oder einer sonstigen Gravitationsquelle nicht zu nahe kommen. Weder das die Schubkraft der Antriebe genügte, um sie aus dem Gravitationstrichter zu befreien, noch waren die filigranen Aufhängungen für die vielen Transportbehälter und die zentrale Struktur des Schiffes für diese Kräfte ausgelegt. Die ersten Verstrebungen mussten unter der gravitatorischen Krafteinwirkung nachgegeben haben.
„Da kann ich Dir jetzt auch nicht mehr helfen.“ Seine Stimme war plötzlich sehr leise geworden. Die Erschütterung hatte ihm den Ernst der Lage nochmals eindringlich deutlich gemacht. Gleichzeitig erkannte er, das er nichts mehr tun konnte.

Aus irgendeinem Grund fiel ihm seine Großmutter ein. Er erinnerte sich, wie er vor vielen Jahren irdischer Zeit bei ihr eine kleine Schachtel aus sehr altmodischem Material gefunden hatte. Seine Großmutter hatte ihm erklärt, das man dieses Material „Pape“ nannte. Das hatte seine Neugierde geweckt. Er hatte etwas völlig neues entdeckt, etwas das er noch nie zuvor gesehen oder gehört hatte und das auch sonst keiner zu kennen schien.
Die Erinnerung war so klar wie ein Wachtraum. Er konnte nichts tun, und so gab er sich dem Träumen hin. Schließlich war es eine schöne Erinnerung, die sein gesamtes restliches Leben geprägt hatte.
Damals war er noch ein kleiner Junge mit kindlich spielerischer Neugier. Er betrachtete lange die Schachtel und drehte sie vorsichtig in seinen Händen. Irgendwann entdeckte er, das man das Innere wie durch einen Schacht heraus schieben konnte und öffnete damit den Zugang zum Inhalt. Irgendetwas mußte darin sein, das hatte er schon durch das Drehen gespürt und gehört. Aber erst jetzt konnte er es auch sehen: Es waren lauter kleine Stäbchen in hellem braun mit einer roten Verdickung an einem Ende.
„Was ist das?“ Es war, als würde er die Frage in diesem Augenblick nochmal stellen.
„Das sind Schwefelhölzchen.“ war die Antwort seiner Großmutter.
„Und was macht man damit?“
„Komm, ich zeige es Dir.“
Seine Großmutter setzte sich zu ihm, nahm ein solches Stäbchen aus der kleinen Schachtel und rieb mit der roten Verdickung ruckartig über eine raue Oberfläche. Was dann geschah erschreckte und faszinierte ihn gleichermaßen. Mit einem leisen Zischen wurde aus der roten Verdickung ein funkensprühendes Leuchten, das im nächsten Moment zu einer kleinen Flamme schrumpfte. Feuer – etwas sehr seltenes in einer Welt, in der Sauerstoff immer kontrolliert wurde. Er hatte es bis dahin immer nur in Filmaufzeichnungen gesehen. Es galt als gefährlich und sollte immer vermieden werden. Es sei sinnlose Verschwendung von Ressourcen, hatte er gelernt.
„Wie geht das?“ Alle Warnungen und Merksätze waren vergessen.
„Damit hat alles begonnen. Die Beherrschung dieses Prozesses hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Es ist die Wandlung von Materie. Und es war und ist die Basis unseres Lebens.“
Er erinnerte sich noch ganz genau, wie ihn seine Großmutter angesehen hatte, als sie ihm diese Sätze gesagt hatte. Und es war, als würde sie ihn gerade in diesem Moment wieder ansehen, wieder die Worte zu ihm sagen, als wäre sie wieder direkt neben ihm.
Plötzlich erinnerte er sich auch daran, wie diese Sätze ihn dazu brachten sich mit allem zu befassen, was mit dem Wandel von Materie zu tun hatte, sein späteres Studium des Terraformings, seine ersten Einsätze auf neuen Welten, seine Erfolge und seine Rückschläge. Aber eines war anders: Diesmal schien seine Großmutter immer neben ihm zu sein und alles mit wohlwollendem Blick zu beobachten. Es war ein gutes Gefühl, er mochte sie sehr.
„Aber Großmutter, Du bist doch schon seit langem…“
„Psst. Das ist jetzt nicht wichtig. Ich möchte Dir noch ein paar andere neue Dinge zeigen. Hast Du Lust?“
„Was denn?“
Seine Großmutter nahm ihn an der Hand, stand auf und ging mit ihm in neue Räume, von denen er nicht wußte, daß das alte Haus, in dem sie wohnte noch solch unentdeckten Ecken besaß. Er hatte immer geglaubt, alle Ecke und Winkel ihres kleinen Hauses schon als Kind erforscht zu haben.

Die letzten Funksignale, die die Raumkontrolle von dem Transporter auffangen konnte, bevor die Gravitation auch die zentralen Strukturen zerriß, waren neben diversen Fehlerprotokollen und Statusberichten auch eine kurze Videoaufzeichnung des einzigen Passagiers. Das durch die Caissonkrankheit fast bis zur Unkenntlichkeit entstellte Gesicht schien irgendwie zu lächeln. Und als wäre das nicht schon verwunderlich genug war eine weibliche Stimme zu hören. „Ich habe Angst.“ Dieser völlig ruhig gesprochene Satz passte überhaupt nicht in die Szenerie. Der Mann musste längst Tot sein. Und eine eventuelle Fehlfunktion der Mensch-Maschine-Schnittstelle konnte ausgeschlossen werden. Solch einen Satz konnte die schwache KI, mit der die Schnittstelle ausgerüstet war, gar nicht erzeugen. Auch wenn die Stimme völlig klar erkennbar war, wurde sie als Artefakt der Gravitationseinwirkung auf die Funktechnik ignoriert.

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