Am Fenster

Ich sitze hier am Fenster und blicke hinaus. Es ist irgendwie komisch, ich erkenne alles nur schemenhaft, nur Umrisse. Und gleichzeitig kommt mir alles doch irgendwie bekannt vor. Als hätte ich die Szenerie schon mal gesehen, wie in einem Dejavue. Es muß eine Landschaft sein, mit Sträuchern und Bäumen, viele Farben und alles sehr hell. Und dort, da hinten, da sind zwei Menschen, ein Paar. Irgendwie sehen sie verliebt aus. Es ist, als würden viele Farben sie umkreisen, sie umringen, wie vielfarbige Schleier. Ich kann sie nicht erkennen, aber ich habe das Gefühl, ich kenne sie. Ich mag sie. Wenn ich sie sehe, steigt in mir ein Gefühl der Hoffnung auf, ein Gefühl von Zuneigung, von Liebe. Unwillkürlich muß ich lächeln.

Ich sitze hier am Fenster und blicke hinaus. Draußen ist Frühling. Frisches Gras bedeckt den Boden und Bäume und Sträucher tragen junge saftige Blätter. Überall ist lachen zu hören, unbeschwerte Freude liegt in der Luft. Immer wieder sehe ich Kinder vor dem Fenster vorbeilaufen. Sie spielen und tanzen und lachen. Und immer wieder winken sie mir zu und ich winke zurück. Es ist, als würden sie mich einladen zu ihrem Spiel, als wäre ich im selben Augenblick ein Teil ihrer Gruppe und würde mit Ihnen über die Wiese tollen, auf Bäume klettern und mit ihnen Fangen spielen. Ich lache mit ihnen. Und manchmal weine ich mit ihnen, wenn sich eines beim übermütigen Herumspringen die Haut aufgeschürft hat. Aber der Schmerz ist schnell verflogen. Und schon entdecken wir wieder das nächste Wunder der Natur: die einfache Klarheit einer Blume, die filigrane Zeichnung eines Schmetterlings, das orchestrierte Chaos eines Ameisenhaufens oder die unzähligen Geräusche der Tiere in Wald und Wiese.

Ich sitze hier am Fenster und blicke hinaus. Die Autos stauen sich in der Sommerhitze auf der Hauptstraße unter meinem Fenster. Die rege Geschäftigkeit, das tägliche Hupkonzert und die vielen Gerüche von menschlichen Ausdünstungen, süssen und herben Parfüms, Zigarettenrauch und alles überlagernden Abgasen bestimmen mein tägliches Leben. Der Kampf um das Erfüllen der Erwartungen, dem Erreichen einer unverstandenen Perfektion sind Motor und Lenkung meines persönlichen Vehikels. Partner und Kind geweckt und versorgt? Erledigt. Arbeitsplatz pünktlich erreicht? Gerade, aber geht noch. Job zur Zufriedenheit aller ausgeführt? Naja, es gibt immer was zu bemängeln. Auf dem Heimweg noch schnell die Kontoauszüge geholt? Gott sei dank, kein Minus hinter der letzten Zahl. Abendessen gekocht? Ein gutes Gefühl: allen hat es geschmeckt! Abends im Bett noch ein bisschen Frieden und Nähe gefunden? Ok, war ein bisschen kurz, aber es kommen auch wieder schönere Zeiten.

Ich sitze hier am Fenster und blicke hinaus. Die Wolken ziehen unter dem Fenster langsam vorüber und die Sonne lässt sie erscheinen wie ein riesiges Schaumbad. Ich bewege mich mit mehreren hundert km/h auf unser Urlaubsziel zu. Eine Insel mit Palmen sollte es diesmal sein. Meine Familie liest oder schläft neben mir. Internet geht über den Wolken nicht, und so hätten wir eigentlich mal wieder Zeit, etwas gemeinsam zu machen, Karten zu spielen oder vielleicht auch einfach nur zu Reden. Aber wir sind schon so aneinander gewöhnt, das wir mehr mit unseren Smartphones reden als mit den Menschen, mit denen wir zusammen sind. Manchmal reden wir sogar mit unserem Gegenüber über die Tastatur des Smartphones. Eigentlich verrückt, ist aber irgendwie schon Gewohnheit. Aber ansonsten geht es uns gut! Schönes Haus, schickes Auto und die Nachhilfestunden sind auch noch im Budget. Und kleine Geheimnisse, Ausflüge vom nervigen Alltag lassen mich den täglichen Stress in so manchem fremden Bett vergessen. Hoffentlich merkt es keiner.

Ich sitze hier am Fenster und blicke hinaus. Der Park ist eigentlich schön, aber die dünne Kiesschicht auf den gestampften Wegen durch die hübsch hergerichteten kleinen Blumenbeete und den einzelnen Bäumen lassen den Rollator so unhandlich werden. Ich schaffe es kaum, ihn bis zu dem Brunnen in der Mitte des Parks zu schieben, ohne völlig ausser Atem zu sein. Und dann werde ich immer so zittrig. Das mag ich überhaupt nicht. Da bleibe ich lieber hier sitzen und blicke hinaus. Es ist schön, wie sich die Blätter rot, gelb und braun gefärbt haben. Eines nach dem anderen fällt zu Boden. Manchmal klopft es plötzlich an der Tür und ein kleines Enkelkind stürmt herein. Oft vergesse ich die Namen, aber die wissen komischerweise immer, wo die Süssigkeiten versteckt sind, die ich für solche Fälle immer noch horte. Und dann kann ich wieder in aller Ruhe aus dem Fenster blicken und Schneeflocken zusehen, wie sie langsam die toten Blätter unter sich begraben und mit einer schönen weißen Schicht bedecken. Nach kurzer Zeit sieht dann immer alles wieder ganz rein und sauber aus, so wie es in einem Haushalt immer sein sollte. So hatte ich es gelernt.

Ich sitze hier am Fenster und blicke hinaus. Irgendwie ist alles verändert. Ich blicke mich um, eigentlich alles wie immer. Und trotzdem ist mir alles irgendwie fremd geworden. Hier im Zimmer und auch draußen. Die Landschaft ist immernoch die gleiche, die ich kenne. Und trotzdem habe ich keinen Bezug mehr, sie hat nichts mehr mit mir zu tun. Eigentlich sollte es dunkel sein, es ist Nacht und meine Augen sind nicht mehr so gut. Aber ich kann komischerweise alles klar erkennen. Es hält mich nichts mehr hier in dieser fremden Umgebung. Es zieht mich raus aus diesem engen Raum. Huch, gerade war ich dich noch in dem Zimmer und jetzt bin ich auf der anderen Seite des Fensters im Freien. Schau nur! Dort! Was für ein wunderschönes Leuchten.

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6 Kommentare zu „Am Fenster“

  1. Welch außergewöhnliche sensible Geschichte! Ich habe es sehr gern gelesen. Besonders die Beschreibungen zur Natur und den Menschen gefällt mir. Prosa zu schreiben – ja, das ist eine ganz eigene Geschichte … – Du scheinst ein Händchen dafür zu haben!
    Danke für diese wunderbare Geschichte, die meinen Tag versüßt!

    Herzlichst,
    Sylvia

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  2. Ich wünsche dir einen wundervollen, guten Morgen 🙂
    Eben fand ich deine Kommentare in meinem Blog – danke hierfür – war dann in der Vermutung, auf den Blog einer sensiblen Frau zu treffen hier gelandet.
    Habe nun erst ganz kurz quer gelesen und meinen Denkfehler erkannt.
    Es kam mir in den Kopf, dass man immer im richtigen Moment den richtigen Menschen trifft (was viele Menschen meist so überhaupt nicht bemerken) und stoße nun exakt hier auf diese Geschichte.

    Sie macht mich fühlen.
    Auch betroffen.
    Ich denke an all die Jahre meines Lebens, die auch ich hinter einem Fenster verbrachte.
    Aktuell sitze ich auch gern auf dem Balkon.

    Ja, man sollte sich wagen, bereits viel früher ins Leben hinaus zu treten.
    Mutig sein und den vermeintlichen Schutz hinter Glas verlassen.
    Nicht warten, bis das Leben vorüber ist, bevor man endlich die „Sicherheit“ verläßt.

    Ich mußte schmunzeln vorhin, als ich hier die Gründe las, weshalb diese Texte hier nicht in Buchform erscheinen.
    Ja, auch ich bin solch ein Mensch, der „eigentlich“ nie Gedichte liest.
    Ich bevorzuge Geschichten.

    Aber ja, ich werde wohl doch öfter mal hier herum streifen.
    Mal schauen, welch weisen Worte mich hier sonst noch zu berühren vermögen.
    Ich wünsche dir alles Liebe und Begegnungen mit Menschen, welche dein Herz erfreuen.
    Luise

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    1. Ich danke Dir für Deine Worte. Ich bin glücklich, wenn ich Dich mit den meinen berühren konnte, denn es ist das wichtigste, was Menschen füreinander tun können: Berühren auf vielen Ebenen und viele Arten. Es erinnert uns an etwas, das wir vor langer Zeit vergessen haben: Das wir alle miteinander verbunden sind. Die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir damit, diese Verbindung zu suchen – nicht selten auf die absurdesten Arten. Und so suche auch ich nach Verbindung. Das ich darum weiß, erlöst mich nicht von dem naturgegebenen Bedürfnis, diese Verbindung weiter zu suchen. Und selbst, wenn ich den Weg kenne, muss ich ihn trotzdem gehen.
      So können wir uns immer wieder neu begegnen.
      Viele liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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